Der kroatische Weg zur Katharsis
Tuesday, March 29th, 2005Gastgeber: Jasna Jankovic, Zeljko Peratovic
B92: In der Sendung, die wie jeden Samstag auf dem Program des Radios B92 der Katharsis gewidmet ist, habe ich die Ehre, Ihnen Herrn Slavko Goldstein vorzustellen. Er wird uns ber den kroatischen Weg zur Katarsis berichten.Zeljko Peratovic sprach mit Herrn Goldstein in Zagreb. Herr Goldstein promovierte letzte Woche Bcher aus der Edition Kameni cvijet (Die steinige Blume). Da es sich bei Der steinigen Blume um ein materialisiertes Symbol des Konzentrationslagers Jasenovac handelt, wurde durch diese Promotion der 58-jhrige Gedenktag der Flucht der Hftlinge aus diesem berchtigten Ustasa-Konzentrationslager gefeiert. Dieses Konzentrationslager wurde in der Zwischenzeit ein Mythos, und als solches Gegenstand politischen Missbrauchs.Diesen Sonntag haben Stjepan Mesic und Ivica Racan, sowie die Delegation mit Nenad Canak, Jasenovac besucht. Die Mitglieder der Vereinigung der Roma aus Serbien und Montenegro waren nicht anwesend, weil ihnen, so wurde es ungeschickt erklrt, kein Visum erteilt werden konnte.
Gerade hier in Jasenovac, mchte ich als Prsident der Republik Kroatien mein ganz tiefes Beileid bekunden, fr die unschuldigen Opfer die ermordet wurden von Seiten derjenigen, welche die Idee des kroatischen Staates missbraucht haben als Deckung fr die Morde, Plnderungen und Verfolgungen, begangen wann auch immer und in welchem Kontekst auch immer. Das kroatische Volk ist nicht und darf nicht Geisel derjenigen sein, die mit ihren Verbrechen den kroatischen Namen besudelten. sagte Stjepan Mesic.
Der Zagreber Verleger Slavko Goldstein, Ratsprsident der Gedenksttte Jasenovac, weist im Interview fr B92 hin, dass in Jasenovac, nach einem halben Jahrzehnt des Schweigens, Voraussetzungen geschaffen wurden, um den Missbrauch der Opfer nicht nur des Ustaa-Regims sondern auch derjenige begangen nach dem Zweiten Weltkrieg zu beenden. Es ist Zeit, wie Goldstein betont, fr die kroatische Katharsis, aber nicht nur fr die kroatische…
Goldstein: Dies ist wirklich ein Versumnis. Sprechen wir ber die Schuld, natrlich zeigen sich da auch Bleiburg und der Kreuzweg. Doch meiner Ansicht nach, liegt eine viel grssere Schuld darin, dass die Regierung ber 45 Jahre lang nicht erlaubt hatte, dass irgendetwas ber dieses Thema gesagt wurde. Anderseits erlaubte sie die Manipulation mit den Opfern von Jasenovac und hat sich nie bemht, die wahre Opferzahl zu ermitteln. Darum befinden wir uns nun in dieser Situation, nach 45 Jahren des Schweigens, man schwieg, wie sie wissen, auch ber Goli Otok. Man htte Jasenovac normal behandeln und die wahre Opferzahl von Jasenovac und berhaupt des Ustasa-Genozids ermitteln sollen. Jetzt etwas zu erfahren wird immer schwieriger. Und htte man ber Bleiburg und den Kreuzweg historisch gesehen objektiv geschrieben, htte es Diskussionen, Meinungsverschieden-heiten ja sogar vielleicht Proteste von manchen Partisanen-Offiziere gegeben, aber die ffentlichkeit htte eine Katharsis erlebt und wir htten heute weniger Probleme in den serbo-kroatischen Verhl-tnissen. Die Serben in Kroatien waren unter dem Eindruck des ungeklrten und ausmanipulierten Jahres 1941, die Kroaten unter dem Eindruck des ausmanipulierten Jahres 1945. Schon diese Gedenkfeier in Jasenovac und Bleiburg hat gezeigt, dass whrend in Bleiburg zur Tudjmans Zeit Gedenkfeiern stattfanden, Jasenovac minimalisiert und verschwiegen wurde. Sogar die ffentlichkeit ist sich der Grsse der Greultat in Jasenovac bewusst, aber auch dass in Bleiburg ein Verbrechen begangen wurde, nicht in der Grssenordnung, wie man es die letzten Jahre aufzeigen wollte, aber dennoch ein Verbrechen.
Es wird sehr viel relativisiert und zu schnell werden begangene alte Verbrechen bei Seite geschoben. Relativisiert werden Verbrechen aus dem Jahr 1941 oder 1945 oder wenn sie wollen 1949, aber auch aus dem Jahr 1991 oder 1995. Htte man in der Gesellschaft ein klares Bild ber die tiefen Wurzeln sowie schwerwiegenden Folgen begangener Verbrechen aus dem Jahr 1941, aber auch 1945 geschaffen, mit grosser Wahrscheinlichkeit htte es so manch hssliche Sachen im Jahr 1991 oder 1991 nicht gegeben. Dies ist eine rein pragmatisches Vorhaben der Wahrheitsfindung. Dennoch, hat dies auch eine tiefere moralische Dimension. Ich wrde dies, sehr metaphorisch gesprochen, aber auch ein bisschen schlicht, als Auswurzeln der Wurzeln des Bsen, umschreiben. Die Wurzeln des Bsen sind unheimlich tief, wie auch das Bse selbst in der Gesellschaft und dem Mensch als Individuum. Ein definitive Antwort ist schwer zu finden. Es gibt Bcher die umschreiben das Bse im Menschen als etwas angeborenes. Das Bse ist dem Menschen eigen, durch die Zivilisation gezhmt. Die Anatomie der menschlichen Destruktion analisiert all diese Theorien. Ich werden nicht so weit gehen, jetzt oder berhaupt ber dieses Thema zu diskutieren. Es handelt sich um das unmittelbare Bse, auf diesen Gebieten im Jahre 1941 enstanden, welches bis zum Ende nicht aufgeklrt wurde. So kam es gerade wegen dieses Bsen zur Kettenreaktion solchen Verhaltens, dh. zur Ermordungen von Menschen anderer Religion, Nation, Rasse oder Meinung. Seit 1941 wird dies hier als Teil des politischen Kampfes angesehen.
Natrlich denke ich nicht, dass es vor dem Jahr 1941 kein Bses gab, doch erst 1941 hat das Ustasa-Regime als Erstes offiziel mit dem politischen Morden Nichtgleichgesinnter, der Politik des Genocids angefangen. Bis dahin gab es natrlich Verhaftungen, sogar Ermordungen seitens der Polizei im alten Jugoslawien, in der sterreich-Ungarischen Monarchie; es gab auch individuelle politische Aus-einandersetzungen, aber keine Regierung, keine Macht hat mittels Gesetze das Bse vorgeschrieben, z.B. Gesetze ber die Ttung von Geiseln. Die im Jahre 1945 stattgefundenen Ermordungen auf dem Bleiburg und dem Kreuzweg sind auch Verbrechen, aber eine andere Art von Verbrechen.
B92: Slavko Goldstein, der auch der Prsident der Zagreber Judengemeinde und Prsident und Grnder der Sozial-liberal Partei war, berichtet, dass auf Grund seiner Untersuchungen in den Konzentrations-lager Jasenovac und Stara Gradiska um die 80′000 und 100′000 Menschen starben, darunter 60′000 Serben.
Goldstein: Betreffend der Zahl der Opfer in Jasenovac sind wir mehr oder weniger sicher, dass es sich um 80000 bis 100′000 handelt. Folgen wir den Berichten des Instituts fr Statistik Jugoslawiens und seinen Untersuchungen im Jahre 1964 kommen wir zu einer Zahl von ungefhr Neunzig Tausend. Das Institut hat ber neundundfnzig Tausend Namen von umgebrachten Menschen in Jasenovac und Stara Gradiska gezhlt und auf Grund einiger Texte gaben sich ein unvollendete Analyse, die wegen verschiedener Grnde beendet wurde. In Belgrad, im Museum fr Genozid hat man weitergemacht und auf die Zahl des Instituts fr Statistik kam man auf 77.000 Namen. Es wurde eine reale Zahl von umgebrachten Roma ermittelt, eine ziemlich zuverlssige Zahl, weil man in den Provinzarhiven rechechierte. Mein Sohn untersucht und schreibt ber den Holocaust und kam zur realen Opferzahl von umgebrachten Juden in Jasenovac. Heute wissen wir auch ber die Opferzahl der Bosnier, die vorwiegend nach Gerichtsurteilen umgebracht wurden. Die Zahl der serbischen Opfer ist noch offen, aber nach meinem Dafrwissen ist diese Zahl um die 50′000 vielleicht bis 60′000. Die insgesamte Zahl der serbischen Opfer auf dem Gebiet der NDH betrgt um die 360′000, worunter die Opfer der Partisanen und Chetniks, und Zivilisten mitgezhlt wurden. Nach meiner Einsicht, die betreffend der Gebiete von Kordun und ein bisschen von Lika und der Stadt Karlovac ziemlich gross ist, sind mehr Serben vor den Husern, in den Drfern, whrend der Ustasa-Feldzuges ermordet worden, als in Jasenovac selbst.
Vor allem sei erwhnt, Tudjman war kein Historiker, obwohl er angeblich seine Doktorarbeit in Geschichte schrieb. Er war eigentlich Politiker, der sein ziemlich grosses Wissen, besonders in zeitgemsser kroatischen Geschichte fr politische Agitation missbrauchte. Er aneignete sich dieses Wissen durch stetiges Lesen. Er war auch ein Antifaschist, er sagte, solange er hier wre, wrde kein Ustasoismus durchkommen und dann hat er die Geschichte nach seinen pragmatischen politischen Schtzungen neu geschrieben.
Eine von seinen Schtzungen war, die Ustasa-Emigration zufriedenzustellen, um von ihnen finanzielle Hilfe zu bekommen. Eine ziemlich kranke Idee war das sog. Vermischen der Gebeine nach Jasenovac wollte er die Gebeine derer bringen, die bei Bleiburg oder auf dem Kreuzweg umkamen. Dies bedeutete in Jasenovac Leute zu beerdigen, die mordeten. Man darf nicht vergessen, dass inmitten bei Bleiburg in einer grossen Zahl diejenigen umkamen, die in Jasenovac selbst, und nicht nur in Jasenovac, Wchter waren.
B92: Slavko Goldstein ist auch Miteigentmer des Verlagshauses Novi liber. Vor kurzem hat er gemeinsam mit seinem Sohn Ivo im Novi liber das Buch Holocaust in Zagreb, welches sich mit dem Leiden der Juden in Zagreb befasst, verffentlicht. Mit dem Thema Bleiburg und der Kreuzweg wird Kroatien vor dem Beginn des Krieges 1990 konfrontiert. Bis dahin gab es nur Aussagen derjenigen, die den Kreuzweg von Slowenien bis Makedonien durchlebt hatten. Offiziell, bezeichnete man mit dem Kreuzweg die Rckkehr der gefangengenommenen Domobranen und mobilisierte Ustasas. Da niemand erwhnen durfte, dass sie whrend des Marsches geschlagen worden sind, schockierten im Jahre 1990 die ersten Berichte ber den Kreuzweg, verffentlicht in den Zeitschriften Start, Danas und manchen auslndischen Zeitungen, die ffentlichkeit. Eigentlich hat man schon im Jahre 1989 und 1990 angefangen ber dieses Thema zu schreiben, doch immer weniger waren die Autoren Akademiker, immer mehr gab es autenthische Berichte berlebender. Dies hatte eine Mythologisierung des Bleiburgs und des Kreuzweges zur Folge. Im Jahre 1991 kommt es zum Krieg.

Natrlich besteht auch die Mglichkeit, dass sich diese Kommandanten einfach und schnell der Gefangenen entledigen wollten, da sie von Tito den Befehl hatten, Krnten zu erobern.Es handelt sich hierbei um eine Barbarei der Sieger; rachschtig und rcksichtslos in dieser Kriegsituation. Die Zivilisten wurden nach Hause geschickt. Ich selber besitze Dokumente, Passierscheine datiert auf den 17. Mai, aus Maribor; aufgrund dieses Passierscheins wurde eine ganze Familie nach Travnik freigelassen. Es gibt einen Mann, der schrieb ein Buch ber die Leiden der Bevlkerung in Zentralbosnien. Er war damals 16 Jahre alt, kam nach Hause und die ganze Familie wurde nach Hause geschickt. Des weiteren ist mir bekannt, dass eine ganze Familie eines Mitgliedes des Ustasa-Stabes, der unsere Wohnung in Zagreb bewohnte; seine Frau und Kinder bei Bleiburg freigelassen wurden. Sie holte Ihre Sachen bei uns ab. Wir gaben sie ihr, obwohl sie unsere vier Jahre benutzt hatten. Der grsste Teil der Armee, der sich bergeben hatte, bestand aus Domobranen und mobilisierten Ustashas. Es handelte sich um Leute, die Boban und Luburic in einen neuen Krieg nicht folgen wollten. Sie dachten sich sie seien unschuldig, bergaben die Waffen und wurden von Bleiburg nach Maribor geschickt. In Maribor begann der Kreuzweg; dort wurden die Leute umgebracht und dies ist ein Verbrechen. Ich wrde sogar behaupten Verbrechen nach Karakter Verbrechen ist Verbrechen; dennoch bestehen verschiedene Grade des Verbrechens; aus diesem Grunde besteht auch verschiedene zeitliche Verurteilung der Verbrechen. Die Verbrechen whrend des Kreuzweges wiegen schwieriger als die in der Nhe von Bleiburg whrend des Durchbruches der Armee. Die Verbrechen bei Bleiburg waren schrecklich, aber schrecklicher waren die Ermordungen Gefangener, die sich bergeben hatten, keine Waffen mehr besassen und abgeqult waren. Dies war kein Befehl. Vielleicht handelt es sich um einen Befehl oder Erlaubnis des Jugoslawischen Geheimdienstes. Ich lass Berichte einzelner lokaler Regierungen und Parteikomitees von Nova Gradiska in denen sich das Bezirkskomitee ber Ermordung von sieben Gefangenen auf dem Weg nach Stara Gradiska, 14 Gefangene im Gefngnis in Stara Gradiska beklagte. Es wird berichtet der Jugoslawischer Geheimdienst htte in Nova Gradiska Leute ohne Verurteilung ermordern lassen und dass die Partisan nichts besser seien als die Ustasas. Man kann demnach nicht behaupten, die Ermordungen waren von hchster Stelle angeordnet, sonst wrde sich das Bezirkskomitee wohl nicht gegen solch ein Vorgehen protestieren.
Ich mchte hiermit nicht ausschliessen, dass es dennoch Befehle lokaler Organe des Jugoslawischen Geheimdienstes gegeben htte. Ich besitze Djilas Aussage ber dieses Thema. Er sagte aus, er befand sich damals in Montenegro und nach seiner Heimkehr bekam er darber Kenntnis. Z.B. der Bruder von Svetozar Vukmanovic, ein Chetnik, verschwand. Sie wissen ja, dass um Bleiburg und auch spter mehrere Tausend Slowener und 5′000 Chetniks ermordet wurden. Niemand berlebte. Die Aussagen der Augenzeugen bei Bleiburg besagen, dass Penezic befohlen haben soll, alle Chetniks zu tten. Penezic war damals Chef des Jugoslawischen Geheimdienstes fr Serbien. Bei Bleiburg befand sich auch eine Zahl von Montenegrinischer Chetnilks die gettet wurden. Der Bruder von Svetozar Vukmanovic Tempo war Mittelschul- und Religionslehrer. Die Familie machte sich sorgen und dies war bekannt und die Leute haben dies nicht gutgeheissen. So hat auch Djilas nachgefragt, missbilligt, in dieser Zeit war er nicht die Sorte Mensch, der sich gegen dies auflehnte, spter ja, damals nicht. Er fragte nach dem Warum und Tito antwortete mit einem rmelzucken:Es war Krieg, die Bande hat weiterhin gekmpft, so tteten sie die Bande, was willst Du denn berhaupt? Am 26. Mai in Laibach sagte er:Die Leute fragen was geschehen ist… die Essenz dieser drei Stze ist, dass es sich nicht um eine grosse Rede handelte …Die Rachehand hat den Grsstenteil genommen. Genau das waren seine Worte. Mit diesen Worten drckte er unmissverstndlich aus, er wolle dies nicht weiterhin untersuchen und niemand wurde wegen dieser Greueltaten bei Bleiburg und auf dem Kreuzweg zur Verantwortung gezogen.




