Risiko-Blogger
Monday, August 31st, 2009Risiko-Blogger
Der kroatische Journalist Zeljko Peratovic meint, dass nationales Interesse keine Morde rechtfertigt. Das schafft ihm Feinde
ZAGREB. “Wir haben hier eine Anzeige gegen Sie”, sagte der freundliche Polizist an der Haustür. “Sie sollen Ihr Kind unsittlich angefasst haben.” Zeljko Peratovic hat schon viel erlebt in seinem Journalistendasein: Er hat über den Krieg berichtet und sein wichtigster Informant, ein guter Freund zudem, wurde in die Luft gesprengt. Aber der schlimmste Horror packte ihn in dem Moment, als er an seiner Haustür in Zagreb dem freundlichen Polizisten ins Auge sah. Denn den Krieg und den Mord erlebte der heute 42-Jährige noch als Journalist mit einer Zeitung im Rücken. Als die Polizei bei ihm klingelte, war er nur noch ein Blogger – ein Unterschied, der sehr wichtig werden kann.
Zeljko Peratovic ist in Kroatien nicht irgendwer. Peratovic hat das Massaker von Gospic publik gemacht: Als Reporter der Wochenzeitung Globus publizierte er die Gräueltaten in der beschaulichen kroatischen Kleinstadt, wo 1991, zu Beginn des Krieges, reihenweise Serben aus ihren Häusern geholt, in einen geheimnisvollen VW Golf gezerrt, in den Wald gefahren und dort erschossen wurden. Nicht alle Kroaten mochten zu den Verbrechen schweigen. “Ich bin nicht in den Krieg gezogen, um Omas umzubringen”, sagte ein kroatischer Soldat und wurde zu Peratovics Kronzeugen. Dieser freundete sich mit dem tapferen Aussteiger an.
Aber noch bevor der Soldat aussagen konnte, sprengte ihn im Februar 2000 eine Autobombe in die Luft. Seine Geschichten über Gospic machten den Journalisten Peratovic zu einem Helden des “anderen Kroatien”: der starken Minderheit, die schon immer der Meinung war, dass man selbst dann nicht schweigen, lügen oder gar morden dürfe, wenn das mit einem angeblichen nationalen Interesse begründet wird.
Als der Kronzeuge bei dem Attentat starb, war dieses andere Kroatien soeben zur Mehrheit geworden. Der autokratische Staatsgründer Tudjman war wenige Wochen tot, und Präsident wurde kurz darauf ein Mann, der über die Gräuel mit Tudjman und seinen Radikalen gebrochen hatte: Stipe Mesic. Es gab eine dunkle Szene, die der nationalen Extremisten und der Mafiosi, und ein helle der liberalen Demokraten. Nach der dunklen war die helle Ära angebrochen.
Wenn der klapperdürre Peratovic in der Innenstadt Zagrebs an den schicken Terrassencafés vorbeiläuft, kommt er aus dem Grüßen nicht heraus. Herr Goldstein, der langjährige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, will wissen, wie es ihm gehe, und warum er so schlecht aussehe. Vom anderen Ende der Straße winkt Herr Letica, ein Publizist, der in Kroatien einmal Staatspräsident werden wollte. Wenn Peratovic von wichtigen Leuten so freundlich gegrüßt wird, dann auch aus scheuem Respekt. Bei Zeljko kann man nie wissen. Wer ihn einmal getroffen hat, hat schnell heraus, dass der Mann bei nationalistischen Mystifizierungen nicht mitmacht. Sturheit und Eigensinn treiben seine Recherchen, taktische Allianzen sind dem Manne fremd.
Karriere macht man mit einem solchen Charakter nicht – auch keine Journalistenkarriere. Beim Magazin Globus wurde er irgendwann entlassen. Seit vier Jahren ist Peratovic arbeitslos und passt auf die fünfjährige Tochter auf, während seine kranke Frau meistens in der Schweiz weilt.
Und er bloggt. Statt wohlfeiler Attacken auf die Szene der nationalen Dunkelmänner findet man unter peratovic.net und peratovic.blog.hr Geschichten, die man sonst nirgends liest. Die meisten drehen sich um die fragwürdigen Netzwerke, auch die des “anderen”, des guten Kroatien. Was für eine Freundschaft zum Beispiel verband den liberalen Staatspräsidenten mit dem zwielichtigen Verleger Pukanic, der im letzten Herbst Opfer eines Mordanschlags wurde? Und was verband diesen so herzlich mit einem inzwischen einsitzenden Mafioso? Das sind einstweilen nur Fragen. Auf dem Peratovic-Blog wird aber rasch ein richtiges Netzwerk daraus – nicht durch vorschnelle Behauptungen, dafür ist der gelernte Journalist zu vorsichtig, sondern einfach durch die Fülle der Fragen und Details. Die zentrale Rolle in den langen, ausführlichen Geschichten auf Peratovics Website spielt immer wieder ein Mann: Tomislav Karamarko, 50.
Der gehört in Kroatien eigentlich zu den Guten. Als der vormalige Polizeichef und Geheimdienstler im letzten Herbst nach einer erschütternden Serie von Mafiamorden zum Innen- und damit Polizeiminister berufen wurde, gab es viel liberalen Applaus. Man kennt Karamarko als nüchtern, präzise, korrekt. Endlich ein Fachmann im Amt, jubelten die Blätter – auch wenn das nicht ganz stimmte. Er entstammt dem engeren politischen Umfeld des heutigen Staatspräsidenten Mesic, mit ihm hatte das demokratische Zagreb einen der Seinen in einer echten Machtposition.
Zeljko Peratovic aber fragte sich, was dieser hohe Polizist eigentlich damals, als sein Freund in die Luft gesprengt wurde, zur Aufklärung getan hat. Er leuchtete in seinem Blog die Geschäfte jener Sicherheitsfirma aus, die Karamarko zeitweilig betrieben hatte: Wen hatte er eigentlich geschützt? Wer waren die Miteigentümer? Als Karamarko Geheimdienstchef war, klingelte es bei Peratovic schon einmal an der Tür: “Verdacht auf Geheimnisverrat”. Ein Trupp von acht Polizisten durchsuchte die bescheidene Wohnung, griff sich die Laptops, beschlagnahmte die gesamte Dokumentation und nahm Peratovic mit zum Verhör. Im Jahr darauf zeigte der Geheimdienstchef den Blogger persönlich an – wegen “Ausstreuens von bekanntermaßen falschen Gerüchten mit dem Ziel, eine größere Zahl Bürger zu beunruhigen”.
Als die Anzeige zur Verhandlung kam, war Karamarko schon Minister und führte vor Gericht als “beunruhigte Bürger” seine weitere Verwandtschaft auf. Die Justiz vergrub das noch immer offene Verfahren in den Tiefen des Gerichtswesens. Als es jetzt wieder an der Tür klingelte und ein Polizist ihm mit der anonymen Anzeige wegen Kindesmissbrauch kam, witterte Peratovic wieder den Dienstherrn dahinter – auch wenn er das so nicht sagt. Die Grenze zwischen Kafka und Paranoia ist auch für Enthüllungsjournalisten nicht leicht zu ziehen.
Was also bedeutet die Aktion: Angriff eines Mächtigen auf einen Machtlosen? Oder wehrt sich hier ein honoriger Mann gegen üble Nachrede? Das Problem ist nicht bloß ein kroatisches.
Arbeit ohne Rückendeckung
“Zwischen Zeitungen und Politikern herrscht ein etabliertes System von Geben und Nehmen”, sagt Markus Beckedahl, Betreiber der deutschen Website netzpolitik.de. “Auf Angriffe aus dem Blog reagiert die Politik dagegen zuweilen übertrieben”, meint der Blogging-Forscher. Für Zeitungsartikel, auch von freien Journalisten, ist immer ein angestellter Redakteur verantwortlich, und der hat einen Verlag und eine Redaktion hinter sich. Ein Blogger dagegen, der sich an die Politik wagt, spielt Eishockey ohne Helm und Knieschützer.
In Kroatien kommt hinzu, dass nicht einmal die Regeln zwischen Politik und Presse klar sind. Gegendarstellungen, selbst Strafanzeigen sind an der Tagesordnung, und einflussreiche Blätter streuen immer so viele Gerüchte aus, wie sie glauben sich leisten zu können. Blogger können sich gar nichts leisten. Im Vorjahr musste ein Mann aus Vukovar sogar ins Gefängnis: Der Bürgermeister hatte sich von ihm beleidigt gefühlt. Auch Politiker tun, was sie sich leisten können – und das ist relativ viel.
Solidarität genießt Zeljko Peratovic wenig. Das wundert nicht, denn in seinen Netzwerk-Geschichten tauchen auch schon mal die Namen von Journalistenkollegen auf, die dann nicht dazu neigen, ihn auch noch zu verteidigen. Aus dem Verband investigativer Journalisten ist Peratovic ausgetreten. Dessen Vorsitzende Renata Ivanovic ist von der Attacke gegen ihren Ex-Kollegen trotzdem alarmiert. “Im vorliegenden Fall ist Zeljko sicher das Opfer”, sagt die Wirtschaftsjournalistin. Allerdings sei investigativer Journalismus, wie der Fall zeige, etwas für Teams und nichts für Einzelne: “Ohne gute Logistik keine Enthüllungen.” Das wenigstens hat Zeljko Peratovic hieb- und stichfest bewiesen.



Anto Djapic
Milan Levar and Zeljko Peratovic near Graz, Austria,1999
Norbert Mappes-Niediek im Festsaal des Palais Schwarzenberg/foto Monika Morawetz für ROG



