Vjesnik “Panorama” 13.09.2003
NORBERT MAPPES – NIEDIEK , JOURNALIST DER ZEITUNG DIE ZEIT, AUTOR DES BUCHES DIE BALKANMAFIA
Nicht der Fanatismus, sondern der Handel kennzeichneten diesen Krieg
Beispiele von schmutzigen Geschften finden wir am Besten im bosnischen Krieg. Karadzic konnte den Serben in Drvar nicht gestehen, dass Bosnien und Herzegowina geteilt werden soll und dass sie ihre Stadt in Richtung Sanski Most oder Banja Luka verlassen mssten. Dies war die Aufgabe der Kroatischen Armee. Die Vertreibung der Kroaten in Vares war anderseits nicht die Aufgabe der Kroaten, sondern der Moslems. Dies ist das schmutzige Geschft und die Logik des bosnischen Krieges nicht der Vlkerhass
Norbert Mappes – Niediek ist Journalist der Deutschen Zeitung Die Zeit. Eine Zeit lang war er Yasushi Akashi’s Berater fr das Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens. Im Frhling dieses Jahres verffentlichte er das Buch Die Balkanmafia, das verschiedene Dossiers beinhaltet, die bis dahin in Der Zeit erschienen sind.
Vor kurzem besuchte er Zagreb, um sich vor Ort ber die Vorbereitung fr die bersetzung seines Buches ins Kroatische zu informieren. In Kroatien soll das Buch im Duriex-Verlag erscheinen. Wir nutzten diesen Gelegenheit mit Herrn Mappes – Niedek zu sprechen.
Das Buch Die Balkanmafia wurde in Deutschland just in der Zeit verffentlicht, als Zoran Djindjic ermordert wurde. Haben Sie je vermutet, dass so etwas geschehen knnte?
- Zwei Tage nach dem Erscheinen des Buches, wurde Djindjic ermordet. Ich war nicht berrascht. Vor diesem Attentat haben sie schon zwei Mal versucht, ihn zu ermordern. Es ist ganz klar, wer hinter all’ dem steckt. Es handelt sich um das Milieu bestehend aus dem organisiertem Verbrechen und der Kriegsverbrechenschaft. Es ist typisch nicht nur fr Serbien, sondern fr alle Staaten, die einst Teil des ehemaligen Jugoslawien waren. Fr die Deutsche ffentlichkeit war dies doch eine grosse berraschung. Nach all’ den Kriegen in dieser Region, geriet das ehemalige Jugoslawien mehr oder weniger in Vergessenheit. Man ging von einem klassischen etnischen oder ideologischen Konflikt aus. Niemand wusste um den kriminellen und verbrecherischen Hintergrund der Kriege Bescheid.
In denjenigen Teil des Buches, wo Sie Djindjic erwhnen, schreiben Sie ber seine Beziehungen zur Tabak-Mafia. Was fr ein Echo haben diese Erkenntnisse in Deutschland hervorgerufen? Wir wissen, dass gerade Djindjic in Deutschland eine grosse Untersttzung genossen konnte?
- Dieser Hintergrund ist noch nicht vllig klar. In Serbien sowieso nicht. Gemss den Artikeln in der Zeitschrift Nacional wissen wir, dass Djindjic mit den Schmugglern verbndet war. Der Zigaretten-Schmuggel liegt in einer Grauzone, zwischen Legalitt und Illegalitt. Die Tatsache, dass ein internationaler Markt fr den Zigaretten-Schmuggel besteht, fr den sich keine der Staaten interessiert, wird von den Kriminellen ausgenutzt. Die grossen Tabakkonzerne wie z.B. Phillip Morris oder BAT verkaufen Zigarreten in die ganzen Welt, aber niemand weiss, wer sie kauft. Niemand weiss, wo sie am Ende angelangen. Die Europische Union versucht dagegen anzukmpfen. Leider, bis jetzt vergebens. Die polizeilichen und gerichtlichen Ermittler in Deutschland sind sehr unzufrieden mit der Deutschen Diplomatie, die sich offensichtlich mit diesen Beziehungen berhaupt nicht befassen will. Doch das Wissen ber diese Beziehungen ist wichtig fr das Verstndnis nicht nur der jetzigen Situation zwischen den Staaten, sondern auch fr das Verstndnis des Konflikts im ehemaligen Jugoslawien. Zum Beispiel, fr das Verstndnis des wirtschaftlichen Konfliktes zwischen Serbien und Montenegro. Diese Konflikte wurden im Westen nur von der politischen Seite her betrachtet, nicht von der wirtschaftlichen, dessen waren Hintergrund sie darstellen.
Djukanovic und Djindjic werden im Verhltnis zu Milosevic als Demokraten angesehen.
- Das sind sie auch. Djukanovic hat, ohne jeden Zweifel, an der Demokratisierung Montenegros beigetragen. Dies gilt umso mehr fr Djindjic in Serbien. Seine Rolle am Milosevic’s Fall ist geschichtsreif. Aber, schon damals, als Milosevic noch an der Macht war, erkannte Djindjic, dass er mit dem kriminellen Kreisen zusammenarbeiten muss, wenn er Milosevic besiegen mchte. Es dauerte Monate bis endlich die EU-Gelder fr die Opposition Serbien erreichte. Es ist daher leicht zu erklren, wieso die Finanzierung aus den serbischen wirtschaftlichen Kreisen leichter zu organisieren war. Htte es dieses wirtschaftliche Milieu nicht gegeben, htte man Milosevic nie strzen knnen.
Im Buch erwhnen Sie auch die Untersttzung durch die Brder Karic und deren Medien.
- Ihre Rolle ist besonders interessant. Am Anfang waren ihre Medien gegen die Opposition. Sie wechselten ihre Meinung ein paar Tage vor Milosevic’s Sturz. Hervorheben mchte ich in diesem Zusammenhang, das Treffen zwischen Djindjic und Milorad Lukovic Legija an einem geheimen Ort, ein Tag vor Milosevic’s Sturz.
Wie bewerten Sie den Erfolg der serbischen Polizeiaktion Sablja?
- Am Anfang war dies ein grosser Erfolg. Zum ersten Mal merkten die Leute in Serbien, dass ein Staat besteht. Aber, es war von Anfang auch ganz klar, dass die serbische Gerichtsbarkeit keine Mglichkeiten haben wird, alle 4500 Angeschuldigte zu prozessuieren. Jetzt haben wir eine Stimmung des backlash. Wir werden sehen, wie sich nun die Gerichtsverhandlungen, die diese Tagen beginnen, abspielen werden. Doch ist es sehr wichtig zu erwhnen, dass die serbische ffentlichkeit sehen konnte, dass die Polizei fhig ist, gegen die Kriminellen anzukmpfen. Dies konnte man in den anderen Staaten, auch in Kroatien, bis heute noch nicht erkennen.
Die Beziehungen des organisierten Verbrechens in dieser Region sind sehr interessant. Es entsteht der Eindruck, dass das Vebrechen keine Grenzen kannte.
- Handelt es sich um mehrere Staaten, haben sie ein Paradies fr ilegalle Aktionen. Keiner dieser Staaten ist fhig, die Zge des organisierten Verbrechens zu verfolgen. Das bestehen von Grenzen ist fr den Schmuggel sehr wichtig. Ohne Grenzen gibt es auch keinen Schmuggel. Die Polizei keines Staates ist fhig mit der Polizei eines anderen Staates zu kooperieren.
Sie erwhnen die Albaner, als die wichtigsten Akteure des organisierten Verbrechens im Bereich des Drogenhandels in der ganzen Region. Die Albaner haben die Drogen sogar der serbischen Mafia verkauft.
- Ja, genau. Yumco aus Vranje hat die Anzge fr die Kosovarische Befreiungsarmee geschnitten. In Serbien wurde deswegen Anklage erhoben. Aber, dies soll nicht bedeuten, dass die Banden multinational seien. Dennoch arbeiten sie auf dem internationalen Markt hervorragend zusammen. In Serbien sprach man immer ber die albanische Mafia, und dabei hat man leicht vergessen, welche Rolle die serbische Polizei spielte. Whrend des Kosovo-Krieges haben sich manche Albaner ziemlich bereichert. Sie hatten berhaupt keine Probleme mit der serbischen Polizei.
Einst erklrte mir ein Polizist in Belgrad, wieso so viele Polizisten bereit wren in den Einsatz nach Kosovo zu gehen. Es war ja ziemlich gefhrlich. Die Albaner hasste die serbischen Polizisten, und dennoch gab es so viele Freiwillige. Es ist ganz klar, dass fr sie die Bereicherung, dh. die Erpressung reicher Albaner, im Vordergrund stand. Dies geschah auch im Jahre 1998, als Serbien der ganzen Welt erklrte, in Kosovo geschehe der Separatismus. Doch was erstaunt ist die Tatsache, dass gerade in dieser Zeit die Kosovarische Befreiungsarmee ihre Bros im Zentrum von Pristina besass. Kein einziger Polizist kam sich zu erkundigen. Wre es mglich, dass die ETA Bros in Bilbao besitzt?
Die ideologischen Vorurteile, die bei der politischen Elite im Westen im berfluss bestand, werden in ihrem Buch durch die Behauptung widerlegt, dass hinter der Ideologie die alten Strukturen standen, mit ihren Wnschen um Reichtum und Macht?
- Anfangs 1992 kam ich ins ehemalige Jugoslawien. Ich erwartete, fanatische Politiker anzutreffen, die denken wrden, ihre Nation sei wertvoller als all’ die anderen. Dem war aber nicht so. Diese Politiker waren grsstenteils nicht fanatisiert, mehr oder weniger waren sie Demokraten. Ihr Job bestand in der Aufteilung des Landes. Sie behaupteten, dies sei unausweichlich. Den Fanatismus traf ich bei den Opfern, beim Volk, nicht bei den Politikern. In Pale vermutete ich die grssten Fanatiker, dem war nicht so. Sie sagten mir, Izetbegovic erledigt sein Teil der Arbeit, sie ihren.
Ich fhlte, dass der Fanatismus und die Ideologie nicht die ganze Kriegsgeschichte ausmachten. Als ich in Pale war, sah ich nachts Tankwagen aus Kiseljak, die den serbischen Markt mit Benzin aus dem kroatischen Teil der Region versorgten. Spontane Aktionen gab es in diesem Krieg nicht. Auch keine Demonstrationen. Sogar diejenigen, die sich gegen die Rckkehrer abspielten, waren fingiert. Auf der Strasse befand sich nicht das gemeine Volk, immer waren dies Leute, die von einem Politiker zusammengerufen worden waren.
Im Buch erwhnen Sie auch die Rolle von Mladen Naletelic Tuta im Handel mit den Serben.
- Ich habe Naletelic nicht persnlich gesehen, doch seine Leute waren berall. Ich sah sie auch in Pale.
In Ihrem Buch haben Sie auch die Rolle von Fikret Abdic in diesem Krieg erlutert.
- Seit dem Beginn ist seine Geschichte strikt geschftlicher Natur. Das Waffenembargo des Westen hatte dem im Wesentlichen dazu beigetragen. Das Embargo ermglichte ein Milieu zwischen Verbrechen und Politik. Sogar der verstorbene Kroatische Minister Susak hat mit diesen Kreisen verkehrt. Dann die Kosovarische Befreiungsarmee, die mit Drogen handelte, um Waffen zu bekommen. In Italien gibt es Beweise fr diese Behauptungen.
Es gibt auch Indizien, dass whrend der Belagerung von Vukovar die Kroaten von Arkan Waffen gekauft htten? Es gab, angeblich, Vorschlge, nach der Operation Sturm Banja Luka fr Tuzla zu wechseln?
- Ja, solche Karten wurde gezeichnet. Im Herbst 1995, als NATO die bosnischen Serben bombardierte, hatte die kroatische Armee die Aufgabe die westlichen Teile Bosniens einzunehmen, Drvar und andere Orte. Ein General hatte mit seiner Armee den Fluss Sana berquert und schon am Tag danach wurde er von seinem Posten genommen. Er hat die Grenze der Absprache berschritten. In diesen Regionen gab es nie einen totalen Krieg. Es handelte sich immer um eine politisch kontrollierten Krieg

Norbert Mappes-Niediek, Nada Peratovic und Zeljko Peratovic
Schon damals beim Kampf um Vukovar sprach man von einem Deal.
- Ja, Vukovar war das erste Beispiel, bei dem sich die Leute fragten, um was es hier geht. Meine Meinung ist aber, dass der Westen bis heute nicht begriffen hat, was sich in diesen Kriegen abgespielt hatte.
Lange Zeit sah der Westen nur in den Moslems die Opfer.
- Es entspricht auch der Wahrheit, dass das bosnische Volk im bosnischen Krieg das grsste Opfer war, nicht aber die bosnische Fhrung. Im Westen meinte man, die Bosnier wrden die Idee eines multiethnischen Staates verteidigen. Doch, wre dem so gewesen, gbe es keine Vertreibungen von Kroaten in Bugojno. Sie hatten zwei Mglichkeiten: das einheitliche Bosnien und Herzegowina, und wenn dies nicht mglich sei, dann wollten sie einen separatistischen, moslemischen Staat. Sehen Sie sich nur das Beispiel von Vares an, in dem berwiegend Kroaten lebten. Dort waren die Leute keine Nationalisten, doch wurden sie Opfer einer Vereinbarung zwischen der kroatischen und bosnischen Regierung.
Im Unterschied zu Serbien, sagen Sie, htte Kroatien einen funktionierenden Staat. Doch, das organisierte Verbrechen, welches aus dem Krieg hervorging, wirkt auch in Kroatien noch immer.
- Dieses Problem wird noch lange anwesend sein. Seit dem Beginn hatte das organisierte Verbrechen in der Erschaffung von Institutionen eine wichtige Rolle gespielt. Dies sieht man nun am Beispiel von Kosovo. Das Ziel war die Erschaffung von Institutionen, dies wiederum frderte die Institutionalisierung des organisierten Verbrechens. Nun versuchen die internationalen Truppen in Kosovo die Lustration von Leuten, die an die Macht wollen. Weder in Serbien noch in Kroatien gab es solch’ eine Lustration.
Zeljko Peratovic
aus dem Kroatischen bersetzt: Nada Peratovic